Leben im Extremen: Die unbekannte Heimat des hässlichsten Tieres der Welt.

Er hat den zweifelhaften Titel als „hässlichstes Tier der Welt“ sicher, ist der Star unzähliger Internet-Memes und ziert als flauschiges, aber traurig dreinschauendes Stofftier viele Kinderzimmer. Doch der Blobfisch (Psychrolutes marcidus) ist ein Opfer des falschen Augenblicks. Wer ihn nur als rosafarbenen, schleimigen Klumpen kennt, tut ihm Unrecht – denn in seiner Heimat ist er ein anatomisches Meisterwerk.

1. Die Verwandlung: Ein Opfer der Physik

Das berühmte Bild des Blobfischs – eine gallertartige Masse mit einer knolligen Nase und einem griesgrämigen Mund – entstand nur, weil der Fisch aus seiner natürlichen Umgebung gerissen wurde.

Der Druck: Der Blobfisch lebt in der Tiefsee vor den Küsten Australiens und Tasmaniens, in Tiefen von 600 bis 1.200 Metern. Dort unten herrscht ein Druck, der bis zu 120-mal höher ist als an der Oberfläche.

Das Problem: An Land fehlt dieser enorme Umgebungsdruck. Sein Gewebe, das perfekt an die Tiefsee angepasst ist, dehnt sich aus und kollabiert. In seinem echten Zuhause sieht der Blobfisch aus wie ein ganz gewöhnlicher, leicht rundlicher Fisch mit festen Konturen.

2. Ein Leben ohne Muskeln (und ohne Schwimmblase)

Um in der extremen Dunkelheit und unter dem gewaltigen Druck der Tiefsee zu überleben, hat der Blobfisch eine faszinierende Strategie entwickelt:

Keine Schwimmblase: Die meisten Fische nutzen eine gasgefüllte Blase, um auf- und abzutauchen. In 1.000 Metern Tiefe würde der Druck diese Blase sofort zerquetschen. Der Blobfisch nutzt stattdessen seine körpereigene Dichte.

Gallertartige Masse: Sein Körper besteht aus einer Masse, deren Dichte nur geringfügig niedriger ist als die von Wasser. Das erlaubt ihm, völlig anstrengungslos über dem Meeresboden zu schweben.

Energiesparmodus: In einer Welt mit wenig Nahrung ist Bewegung Luxus. Der Blobfisch hat kaum Muskeln. Er lässt sich treiben und öffnet einfach sein Maul, wenn etwas Essbares wie kleine Krebse oder Weichtiere vorbeischwimmt. Er ist der ultimative "Lazy Bones" der Weltmeere.

3. Warum wir ihn schützen müssen

Obwohl der Blobfisch für den Menschen ungenießbar ist, ist er akut bedroht. Die Tiefseeschleppnetzfischerei ist sein größter Feind. Wenn die gewaltigen Netze über den Meeresboden gezogen werden, landet der Blobfisch oft als Beifang darin. Der schnelle Aufstieg an die Oberfläche ist sein Todesurteil – er stirbt nicht nur an Sauerstoffmangel, sondern an der physikalischen Dekompression seines Körpers.

4. Das hässliche Entlein der Wissenschaft

Im Jahr 2013 wurde er von der Ugly Animal Preservation Society offiziell zum hässlichsten Tier gewählt. Doch diese Wahl hatte einen ernsten Hintergrund: Sie sollte darauf aufmerksam machen, dass nicht nur „niedliche“ Tiere wie Pandas oder Koalas unseren Schutz verdienen, sondern auch die bizarren und weniger fotogenen Wunder der Tiefsee.

Fazit: Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Der Blobfisch ist nicht hässlich – er ist einfach am falschen Ort. In 1.000 Metern Tiefe ist er ein eleganter Überlebenskünstler, der sich perfekt an eine Welt angepasst hat, in der kein Mensch ohne Spezial-U-Boot existieren könnte. Vielleicht ist es an der Zeit, ihn nicht mehr auszulachen, sondern seine biologische Genialität zu bewundern.

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