Der Pilz, der aus der Hölle zu kommen scheint: Wie sich der bizarre Tintenfischpilz in Deutschland ausbreitet.

Stellen Sie sich vor, Sie wandern durch einen friedlichen deutschen Laubwald, als plötzlich etwas Merkwürdiges Ihre Aufmerksamkeit erregt. Aus dem Waldboden bricht eine leuchtend rote, tentakelartige Kreatur hervor, die aussieht, als wäre sie direkt den Tiefen des Ozeans entsprungen. Dazu ein penetranter Geruch, der an Aas erinnert und die Luft erfüllt. Was klingt wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Horrorfilm, ist in Wahrheit eine Begegnung mit dem Tintenfischpilz (Clathrus archeri).

 

Ein fremdes „Hexenei“ im Wald

 

Sein bizarres Erscheinungsbild macht den Tintenfischpilz zu einem der auffälligsten und unheimlichsten Pilze Europas. Er beginnt sein Leben unspektakulär als weißliches, eiförmiges Gebilde, das sogenannte "Hexenei", das oft nur unter der Erde sichtbar ist. Doch wenn die Bedingungen stimmen, bricht dieses Ei auf. Innerhalb weniger Stunden entfalten sich daraus vier bis sechs leuchtend rote Arme, die sich wie die Fangarme eines Kraken nach außen biegen. Die Oberfläche dieser Arme ist mit einer schleimigen, olivbraunen Schicht überzogen, die Sporenmasse (Gleba) des Pilzes. Diese Gleba ist das Herzstück seiner Überlebensstrategie, denn sie verströmt einen intensiven, aasartigen Gestank, der Schmeißfliegen und andere Insekten anlockt. Die Pilzsporen haften an den Insekten, die sie wiederum über weite Strecken verbreiten.

 

Von Down Under in Deutschlands Wälder

 

Ursprünglich stammt der Tintenfischpilz aus den feuchten, subtropischen Wäldern Australiens und Neuseelands. Wie er den Weg nach Europa fand, bleibt ein Stück weit ein Rätsel, doch Mykologen vermuten, dass die Sporen der Pilze in der Wolle von importierten Schafen oder durch Militärtransporte in der Zeit der Weltkriege über den Globus reisten.

Der erste Fund in Deutschland wurde in den 1930er-Jahren im Raum Karlsruhe und im Schwarzwald verzeichnet. Über Jahrzehnte galt der Tintenfischpilz als absolute Seltenheit, doch in den letzten Jahren hat sich seine Ausbreitung beschleunigt. Er profitiert von milden Wintern und warmen, feuchten Sommern – Bedingungen, die der Klimawandel begünstigt. Heute ist er in vielen Regionen Deutschlands zu finden, auch wenn er keine flächendeckende "Invasion" darstellt. Meist taucht er in Laubwäldern, auf Waldlichtungen oder am Rand von Wanderwegen auf, wo er auf nährstoffreiche Böden trifft.

 

Essbar? Eine Frage des Geschmacks

 

Die wichtigste Frage für viele Pilzsammler ist: Ist dieses bizarre Gewächs essbar?

Die kurze Antwort lautet: Ja, der Tintenfischpilz ist ungiftig, aber er gilt als ungenießbar.

Obwohl er keine nachweislichen Giftstoffe enthält, ist der Verzehr aus kulinarischer Sicht alles andere als ein Genuss. Während der Pilz im reifen, ausgestreckten Zustand durch seinen widerwärtigen Aasgeruch ohnehin von jedem Pilzfreund gemieden wird, gibt es Berichte, dass das unscheinbare "Hexenei" vor dem Aufbrechen essbar sein soll. Sein Geschmack wird jedoch als muffig und leicht rettichartig beschrieben.

Die meisten Experten und Pilzkenner sind sich einig: Der Tintenfischpilz ist am besten in der freien Natur zu bestaunen. Er ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich die Natur an neue Lebensräume anpasst und ein beeindruckender, wenn auch geruchsintensiver, Neuzugang in Deutschlands heimischer Flora.

Weiter Lesen