Acht Beine, eine Gefahr? Wie sich die Schwarzbäuchige Tarantel in Österreich ausbreitet
Die Vorstellung, einer Tarantel in freier Wildbahn zu begegnen, mag für viele Menschen eher exotisch und weit entfernt klingen – verbunden mit fernen Ländern und warmen Klimazonen. Doch in den letzten Jahren rückt dieses Szenario auch in Österreich zunehmend in den Bereich des Möglichen. Die Schwarzbäuchige Tarantel (Hogna radiata), eine eigentlich im Mittelmeerraum beheimatete Wolfsspinne, breitet sich immer stärker im Süden Österreichs aus und sorgt für wachsende Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung und in der Wissenschaft.
Der langsame, aber stetige Vormarsch

Hogna radiata ist keine klassische "Tarantel" im Sinne der großen, haarigen Vogelspinnen, wie sie oft in Filmen dargestellt werden. Es handelt sich um eine mittelgroße Wolfsspinne, deren Weibchen eine Körperlänge von bis zu drei Zentimetern erreichen können und die für ihr schnelles Jagdverhalten bekannt ist. Ihre Bezeichnung als "Tarantel" geht auf die italienische Stadt Taranto zurück, wo die Bisse einer ähnlichen Wolfsspinnenart, der Apulischen Tarantel (Lycosa tarantula), im Mittelalter für die "Tarantismus" genannte Tanzkrankheit verantwortlich gemacht wurden.
Die Schwarzbäuchige Tarantel bevorzugt trockene, warme und sonnige Lebensräume mit spärlicher Vegetation – genau die Bedingungen, die in weiten Teilen Südeuropas vorherrschen. Doch mit dem Klimawandel und den damit verbundenen steigenden Temperaturen und längeren Trockenperioden in Mitteleuropa finden diese Spinnen auch in Österreich zunehmend geeignete Habitate. Erstmals in Österreich nachgewiesen wurde die Art in den 1970er Jahren, doch erst in den letzten 10 bis 15 Jahren ist eine signifikante Ausbreitung und ein deutlicher Populationszuwachs zu beobachten.
Der Populationszuwachs – ein Ergebnis des Klimawandels

Experten führen den aktuellen Populationsanstieg primär auf zwei Faktoren zurück:
Klimawandel: Höhere Jahresdurchschnittstemperaturen und vor allem mildere Winter ermöglichen es den Spinnen, zu überleben und sich erfolgreich fortzupflanzen. Die Entwicklungszyklen verkürzen sich, und die Überlebensrate der Jungtiere steigt. Früher waren die Winter in Österreich für die wärmeliebende Art zu harsch, um sich flächendeckend zu etablieren. Heute bieten insbesondere Regionen in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland optimale Bedingungen.
Veränderte Lebensräume: Die zunehmende Urbanisierung und die Schaffung von Ruderalflächen, also brachliegenden oder wenig genutzten Flächen, bieten der Schwarzbäuchigen Tarantel ideale Jagdreviere und Rückzugsorte. Steinige Böschungen, Schotterflächen oder auch Gärten und Weinberge, die viel Sonne abbekommen, werden zu neuen Kolonisationsgebieten. Die Spinnen sind bodenbewohnend und graben sich oft kleine Wohnhöhlen, von denen aus sie auf Beute lauern.
Die Vermehrungsrate der Schwarzbäuchigen Tarantel ist beachtlich. Ein Weibchen kann in einem Kokon mehrere Hundert Eier ablegen und trägt diesen Kokon bei sich, bis die Jungspinnen schlüpfen. Diese jungen Spinnen bleiben noch eine Weile auf dem Rücken der Mutter, bevor sie sich zerstreuen und eigene Wege gehen. Unter optimalen Bedingungen können so innerhalb kurzer Zeit große Populationen entstehen.
Was bedeutet der Zuwachs für Mensch und Natur?

Obwohl der Biss der Schwarzbäuchigen Tarantel für den Menschen unangenehm sein kann – vergleichbar mit einem Wespenstich, der zu lokalen Schwellungen, Rötungen und Schmerzen führen kann –, ist er für gesunde Menschen in der Regel ungefährlich. Allergische Reaktionen sind selten, aber möglich. Die Spinnen sind nicht aggressiv und beißen nur zur Verteidigung, wenn sie sich bedroht fühlen oder in die Enge getrieben werden.
Für das Ökosystem stellt die Ausbreitung der Schwarzbäuchigen Tarantel eine interessante Entwicklung dar. Als Raubtiere können sie einen Einfluss auf die lokalen Insektenpopulationen haben. Langfristige Auswirkungen auf die heimische Fauna sind noch Gegenstand der Forschung.
Es ist wichtig, die Entwicklung der Schwarzbäuchigen Tarantel in Österreich weiterhin zu beobachten und die Öffentlichkeit sachlich über die Art und ihr Verhalten zu informieren. Panik ist unbegründet, doch ein bewusster Umgang mit dieser neuen Bewohnerin unserer Landschaft ist angebracht. Die "acht Beine" sind kein Zeichen einer unmittelbaren Gefahr, aber definitiv ein Hinweis darauf, dass sich unsere Umwelt verändert und wir uns auf neue tierische Nachbarn einstellen müssen.
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